Ehrenfeld: Lebendig und entspannt zugleich

Peter Rosenthal, Jahrgang 1960, ist als Arzt und Künstler ein aufmerksamer Beobachter. In Rumänien geboren, lebt er seit 1973 in Köln und feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Ehrenfeld-Jubiläum. Seine Geschichten und Gedichte: Nachdenkliche, sehr persönliche Auseinandersetzungen mit dem, was um ihn herum geschieht. Der Kurzfilm „Tigersprung“ aus dem Jahr 2017 erinnert an den Ehrenfelder Radrennfahrer Albert Richter und seinen Manager Ernst Isidor Berliner. Am Rand einer Lesung hatte ich Gelegenheit, mit Peter Rosenthal zu sprechen.

Herr Rosenthal, Sie beobachten jetzt seit gut 25 Jahren dieses Veedel und seine Menschen. Was ist für Sie das Besondere an Ehrenfeld?

Da ist sicherlich zuerst einmal dieses Handfeste, diese Bodenständigkeit. Aber auch die Mehrstimmigkeit, die Mehrsprachigkeit, das Urban-Provinzielle, das mich als Künstler besonders anspricht. In diesem Viertel ist in den letzten Jahren sehr viel passiert. Aber die Menschen hier wissen auch, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Die Ehrenfelder haben es immer verstanden, den Ball flach zu halten. Es herrscht hier bei aller Lebendigkeit auch immer eine gewisse Entspanntheit. Das ist für mich typisch für Ehrenfeld.

Fällt Ihnen dazu ein Beispiel ein?

Gleich hier in der Nähe, auf der Venloer Straße, ist ein wirklich schönes Modegeschäft. Als wir damals unser Buch „Venedig ist auch nicht viel größer als Ehrenfeld“ gemacht haben, sind wir dort hingegangen, um ein paar Fotos zu machen.

Es waren junge Leute dort, die waren wahnsinnig nett, haben uns Kaffee angeboten. Aber sie haben gesagt: Warum kommt ihr nicht ein anderes Mal wieder, wir haben jetzt nicht wirklich so viel Zeit. Die waren einfach wahnsinnig umständlich. Und obwohl sie durchaus der Meinung waren, dass sie absolut in diese Buch passen, waren sie nicht sonderlich wild drauf. Und damit ist dann auch nichts draus geworden.

Man muss den Ball auch mal hoch in den Himmel schießen.

Aus ihrer Haltung sprach eine gewisse Bescheidenheit, eine Unaufgeregtheit, aber auch eine ordentliche Portion Selbst- und Gottvertrauen. Davon kann ich noch viel lernen.

Was meinen Sie damit?

Ich bin da anders gestrickt. Ich suche eher die Anregung, das Besondere. Ich bin gar nicht unaufgeregt. Eher einer, der für etwas brennt. Das hat Vorteile, aber das andere, das etwas kühle, lockere, die Fähigkeit, die Dinge erst einmal auf sich zukommen zu lassen – davon kann ich noch einiges lernen.

Ich komme aus einem osteuropäischen, jüdischen, kultursnobistisch bürgerlichem Hintergrund, und da ist für mich diese Ehrenfelder Bodenständigkeit ein wunderbares Korrektiv. Aber anders herum ist auch das, was ich mitbringe, ein gutes Korrektiv für Ehrenfeld. Man muss den Ball auch mal hoch in den Himmel schießen.

Peter Rosenthal Ehrenfeld

Denken Sie an die Diskussion zum Beispiel über die Moschee – schön, nicht schön, die Türme zu hoch, ein bisschen zu hoch. Darin steckt viel Doppeldeutigkeit. Aber auch das ist etwas, das Ehrenfeld verträgt, erträgt. Ich muss da immer an Albert Richter denken. Der kommt aus der Sömmeringstraße, war Radrennfahrer und in den dreißiger Jahren mehrfacher Deutscher Meister. Deutscher Meister! Man muss Träume haben!

Wie hat sich das Veedel über die Zeit in Ihren Augen verändert?

Da ist sicherlich die Gentrifizierung, vieles hat sich verschoben. Ich kenne ärmere Patienten, die mussten in die Randbezirke ziehen, weil viel modernisiert worden ist und die Mieten stiegen. Start-ups sind gekommen, Agenturen, Kreative – und das ist spannend. Vergleichbar mit der Südstadt, vielleicht sogar etwas spannender. Weniger gefällig, etwas kantiger.

Dieses Viertel hat sich über die Zeit selbst bewahrt, hat sich den unterschiedlichen Vereinnahmungen widersetzt. 

Aber gleichzeitig ist Ehrenfeld auch – wie soll ich sagen – etwas weicher geworden, geschmeidiger, schmusiger. Ehrenfeld war früher härter, mehr Drogen, mehr Kriminalität. Nehmen Sie die Hansemannstraße. Dort gibt es besonders viele Ausländer, Tagelöhner. Aber die fallen nicht durch Kriminalität auf. Ehrenfeld hat sich diese Urwüchsigkeit bewahrt, ist vielschichtiger geworden, ohne dass das zu Aggressivität geführt hat.

Was sehen Sie in Ehrenfeld, was unbedingt bewahrt werden sollte?

Ich bin da ganz unaufgeregt. Dieses Viertel hat sich über die Zeit selbst bewahrt, hat sich den unterschiedlichen Vereinnahmungen widersetzt. Denken Sie an das Centre Pompidou in Paris oder zum Beispiel das La Cité du Vin in Bordeaux: Diesen Städten ist es gelungen, Vielseitigkeit zu integrieren. Und Ehrenfeld wird es auch gelingen, zum Beispiel eine Moschee zu integrieren. Ob das nun ein Wahrzeichen ist oder nicht – es gibt tausende von Wahrzeichen. Ehrenfeld hat einen ganz eigenen Charakter, und den wird es sich auch bewahren. Da bin ich ganz optimistisch.   

Was müsste sich ändern?

Was mich umtreibt: Ich fahre ja mit dem Fahrrad fast täglich über die Venloer Straße. Beim Verkehr gibt es viel zu verbessern. Das gilt für die Seitenstraßen, aber auch ganz besonders für die Venloer Straße.

Autofahrer, Fahrradfahrer, Fußgänger: Ich will hier gar nicht mit dem Finger auf eine bestimmte Gruppe zeigen, aber hier gibt es noch viel zu tun. Zum Beispiel die Zweispurigkeit der Venloer Straße: Das ist für mich kein Muss. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Venloer zur Einbahnstraße wird und die Vogelsanger entsprechend in die andere Richtung. Man sollte nicht alles als gegeben hinnehmen. Grundsätzlich muss es das Ziel sein, dass der Autoverkehr insgesamt in der Stadt und auch hier abnimmt. Da ist noch viel Arbeit und noch viel Luft nach oben.

Im Bereich Kunst ist einiges verloren gegangen – aber deshalb muss man keinen wohlanständigen bürgerlichen Kulturpessimismus an den Tag legen. 

Im Bereich der Kunst ist vieles in Bewegung, musikalisch gibt es viel Neues. Aber es ist auch einiges verloren gegangen, insbesondere im Bereich Theater. Hier sind gewachsene Strukturen zerstört worden, insbesondere durch die Entwicklung der Mieten – denken Sie zum Beispiel an den Streit um das Arkadas-Theater.  Aber deshalb muss man keinen wohlanständigen bürgerlichen Kulturpessimismus an den Tag legen. Dem will ich nicht das Wort reden. Ehrenfeld ist ein relativ wohlhabendes Viertel. Im Stadtbezirk Ehrenfeld gibt es viel zu tun, das ist ein Unterschied, aber Ehrenfeld selbst geht es gut.

Was sind Ihre persönlichen Pläne für die Zukunft?

Adrian Kasnitz hat in seinem Verlag parasitenpresse eine Reihe gestartet, die sich der Poesie von besonderen Stadtteilen widmet, nicht beschränkt auf Köln, sondern zum Beispiel auch in Berlin oder Brüssel. Und ohne dass ich ihm hier ein Kind unterschieben will: Ich habe angefangen, mich dem Stadtteil Kalk auf meine Weise zu nähern.

Ich werde keine baufälligen Plätze zum Nonplusultra unserer Kultur und Gesellschaft hochstilisieren.

Wenn ich schreibe, zum Beispiel über Ehrenfeld oder jetzt über Kalk, dann schreibe ich nicht über einen Stadtteil. Sondern ich schreibe über mich. Ich bin nicht von der Stadtverwaltung und gebe irgendwelche Hinweise zu diesem Viertel. Ich schreibe über ein Objekt, das erst durch mein Erleben für mich zum Leben erweckt wird. Ich schreibe über mein persönliches Erleben – dessen bin ich mir sehr bewusst.

Ich habe viele Jahre in Ehrenfeld gelebt, ohne dieses Viertel überhaupt zu kennen. Ich bin morgens in die Praxis gefahren und abends zurück. Inzwischen kennen ich Ehrenfeld recht gut. Aber ich schreibe nicht, um dem Viertel zu dienen. Ich werde keine baufälligen Plätze zum Nonplusultra unserer Kultur und Gesellschaft hochstilisieren. Das ist nicht mein Ziel.

Ich lebe zufällig nun mal hier, und das ist meine Umgebung. Mit dieser Umgebung setze ich mich auseinander. Und wenn das, was ich schreibe, dem Viertel dient: Umso schöner. 


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