Corona-Tagebuch:
7. April 2020

So. Gestern haben wir einen Grill gekauft. Einen Gasgrill, einen Enders Urban Pro, um genau zu sein. Was unter normalen Umständen überhaupt nicht erwähnenswert wäre. Aber in diesen Zeiten irgendwie schon.

Wir waren die letzten Wochen echt brav. Haben die Wohnung nur in absoluten Ausnahmefällen verlassen, sind einmal um den Block gegangen – das war’s. Lebensmittel liefert Rewe. Meine Frau spielt ihr logistisches Talent voll aus. Ansonsten brauchen wir nichts. Kinder und Enkel sehen wir über Skype. Immerhin. Uns geht’s im Prinzip gut.

Trotzdem hat sich mittlerweile so ein leichter Frust aufgebaut. Frische Luft bekommen wir auf dem Balkon genug. Wir nehmen Treppe statt Aufzug, zum Briefkasten, zum Müll. Wegen der Bewegung. Na toll. Wollen jetzt gelegentlich Fahrrad fahren. Die App haben wir schon. 

Aha, das ist also Rommerskirchen

Wunderschönes Wetter draußen. Grillwetter. Aber unseren Grill hatten wir nicht mitgenommen bei unserem Umzug vom Land in die Stadt. Fiel in die Kategorie ‘kann aber muss nicht‘, zumal das lokale Angebot dank Herbrand’s, Kebabland und Co. vielseitig und verlockend ist. War. 

Jetzt musste es doch. Allein schon wegen des Abholens. Haben ein Geschäft gefunden, Siegert in Rommerskirchen, das ihn führt. Die kleine Fahrt raus aus der Stadt, links in die Venloer Straße und immer geradeaus, war fast wie ein kleiner Urlaub. 

Die Kaufabwicklung vorbildlich. Telefonisch bestellt, das Geschäft selbst für Publikum geschlossen, im Eingang ein Tisch als Sperre und Behelfstheke. Die zwei, drei Kunden draußen halten Abstand. Die Inhaber drinnen sind freundlich und hilfsbereit. Nix gegen Amazon, aber das fühlte sich gut an. Auf einem Bauernhof in der Nähe den ersten Spargel dieses Jahres gekauft. In der Vinhoteka Centro schnell noch ein wenig Portugal-Feeling mitgenommen: Olivenöl, Gambas und Piri-piri. Ja, wir haben’s echt krachen lassen, gestern.

Hätte ruhig etwas fummeliger sein können

Dass der Aufbau des Grills laut einer Rezension eine recht fummelige Angelegenheit sei, hat mich motiviert. Sehr gute Verarbeitung, verständliche Anleitung in echtem Deutsch: von mir aus hätte das ruhig etwas komplizierter sein können. Jetzt, in diesen Zeiten. 

Na ja, und dann das leise Rauschen, das sanfte Brutzeln, der Duft von Bratwürstchen. Dazu blauer Himmel, milde Temperaturen und ein kühles Glas Weißwein: das mit dem Grill musste jetzt einfach sein. Spargel ist heute dran, Gambas sparen wir uns noch ein wenig auf. Wahrscheinlich.

Keine Lust auf Konjunktive

Unseren Medienkonsum haben wir verändert. Ja, wir wissen, dass der Virus unsägliches Leid bringt für Familien, Existenznot für Betriebe, außergewöhnliche Belastungen für Heil- und Pflegeberufe, von der Situation in Flüchtlingslagern und Slums ganz zu schweigen. Das müssen wir uns nicht tagtäglich von Neuem in den Nachrichten und Sondersendungen ansehen. Die ersten fünf Minuten der Abendnachrichten reichen meist für den Überblick, dazu ein Kommentar oder zwei von renommierten Zeitungen und eine intelligente Betrachtung eines nachdenklichen Kabarettisten. 

Keinen großen Bedarf habe ich im Moment an konjunktivischen Aussagen – wer was sollte, könnte, müsste. Gleiches gilt für Überschriften, in denen Worte wie womöglich, wohl, wahrscheinlich oder ein Fragezeichen am Ende als Weichzeichner dienen. Und dies ist für mich auch nicht die Zeit, mich aus mir unbekannten Quellen zu informieren – auch wenn die Überschrift noch so verlockend ist. 

O-Ton bevorzugt

Stattdessen Reduktion des Medienkonsums zugunsten relevanter Fakten aus erster Hand. Am besten Pressekonferenzen, möglichst ungekürzt und authentisch. Von der Kanzlerin, von Ministern und Ministerpräsidenten, von ausländischen Staatsoberhäuptern. Und natürlich den Podcast von Prof. Drosten. Aus alter Verbundenheit halte ich die Situation in den USA im Auge. Mehr sage ich dazu nicht.

Und wenn mir das zu langweilig wird, dann überfliege ich, was die Leute so zu Zeitungsartikeln oder zu Berichten auf YouTube zu sagen haben. Dort wurde die Kommentarfunktion zur gestrigen Pressekonferenz der Kanzlerin irgendwann letzte Nacht abgeschaltet. Weil die Grenze des dummen Geschwätzes allzu deutlich überschritten war. 

Und deshalb überlege ich mir jetzt lieber, was wir heute Abend grillen. Zum Spargel.

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7. April 2020

4 Kommentare Corona-Tagebuch:
7. April 2020

  1. Pat Buerer 8. April 2020 at 8:31

    Liebe Sabine, lieber Thomas
    wunderbar geschrieben das Tagebuch ! Vermissen Euch und hoffen auf baldiges Wiedersehen ! Alles Liebe
    Pat & Werni

    Antworten
    1. Thomas Reinert 8. April 2020 at 10:37

      Liebe Pat, lieber Werner, wir vermissen Euch auch. Der einzige Trost ist, dass wir hier schon lange bombiges Wetter haben. Sonst wäre es ganz schrecklich. Passt auf Euch auf – und irgendwann feiern wir ganz doll. Alles Liebe von T. & S.

      Antworten
  2. Elke Brecht 7. April 2020 at 18:14

    Mal wieder 1 mit *

    Antworten

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