Die fantastischen Welten des Puppenbauers Carsten Sommer

Ein uriger Hinterhof, wie es in Ehrenfeld viele gibt. Geduckte, verschachtelte kleine Gebäude abseits der Venloer Straße, kurz vor der Äußeren Kanal. Werkstätten einst, heute begehrter Wohnraum mit besonderem Reiz. Schräg links eine Tür, unscheinbar. Achtung Stufe. Und willkommen in einer wahrlich fantastischen Welt.

In den kleinen vorderen Räumen herrscht gemütliches Dämmerlicht, nur die eigentliche Werkstatt, weiter hinten, ist in Neonlicht getaucht. Dort entstehen sie, die Figuren und merkwürdigen Dinge, die hier vorne die Regale vom Boden bis zur Decke füllen. Liebenswerte Wesen wie Käpt’n Blaubär und Hein Blöd in unterschiedlichen Ausführungen und Größen. Dreidimensionale Karikaturen berühmter und berüchtigter Zeitgenossen, zwei Handspannen groß beziehungsweise klein. Anfassbare Comikhelden und Fantasieschurken. ‚Luigi Mackeroni’ und ‚Das kleine Arschloch’ lümmeln herum.

Kreaturen, Maschinen und Aggregate ganz offensichtlich nicht aus dieser Welt

Davor und dazwischen lebensgroße Puppen von mutigen jungen Kämpfern und seltsam vertrauten Zotteltieren. Der Kopf eines furchterregenden Drachens. Ein Raumschiff, detailliert bis in die letzte Einzelheit, ausgestattet unter anderem mit mehr als 700 Leuchtdioden, insgesamt beachtlich groß und für zwei ausgewachsene Männer gerade noch zu heben. Daneben immer wieder Kreaturen, Maschinen und Aggregate, die ganz offensichtlich nicht aus der uns bekannten Welt stammen. Sondern von fernen Galaxien oder unentdeckten Höhlen irgendwo. Der Laie mag rätseln, aber der Puppenbauer Carsten Sommer weiß es ganz genau.

Als kleiner Junge in Kamp Lintfort am Niederrhein war er Herr über eine rekordverdächtige Dinosaurier-Sammlung gewesen. Nicht ordentlich aufgereiht auf Regalbrettern, sondern lebensecht eingebettet in Landschaften und Welten. Deren Detailreichtum schon damals, Mitte der Siebziger, auf eine gewisse Besessenheit schließen ließ. Lehrer und Verwandte bescheinigten dem Jungen eine lebhafte Fantasie – was nicht immer nur als Kompliment gemeint war. Doch Freunde und Bekannte zahlten mitunter auch einen kleinen Obolus, um diese Welt zu besichtigen. 

Im Reich der Fantasie gibt es keine Grenzen

Der Vater war selbst Künstler, die Eltern ließen den Jungen gewähren. Und der verdiente sich bald mit kleinen Auftragsarbeiten etwas dazu, wenn es galt, die Realität oder eine fiktive Welt lebensecht im Modell widerzugeben. Die Technik des Stop-Motion-Films war für ihn ein logischer Schritt, um seinen Figuren Leben einzuhauchen. 

Irgendwann stellte sich auch ihm die Frage: Wie weiter nach der Schule? Studieren? Archäologie hätte ihn gereizt, die handwerkliche Arbeit und der Bezug zu längst vergangenen Welten hätten ihm wohl gefallen. Aber letztlich nicht gereicht. 

Wirklich fasziniert hatte ihn schon als Knirps der Film „King Kong“ (den er damals eigentlich gar nicht sehen durfte) und zum Beispiel „Sindbads siebente Reise“ – ein B-Movie, zugegeben, aber mit für die damalige Zeit beeindruckenden Spezialeffekten. Da spätestens wusste er: Jenseits unseres geregelten Alltags, im Reich der Fantasie, gibt es keine Grenzen. Eine für ihn abenteuerliche und wegweisende Erkenntnis, die ihn noch heute beseelt.

Puppenbauer Carsten Sommer in seiner Werkstatt in Ehrenfeld
Hat viel Geduld, noch mehr Geschick und unendliche Liebe zum Detail: Puppenbauer Carsten Sommer in seiner Werkstatt in Ehrenfeld.

Manchmal ist es die Begegnung mit einem bestimmten Menschen, die dem eigenen Leben eine entscheidende Wendung gibt. Für den Puppenbauer war dies der Karikaturist und Schriftsteller Walter Moers. Dessen Charaktere, von Käpt’n Blaubär bis Hildegunst von Mythenmetz, verwandelte er in Kunstwerke, die im Fernsehen und auf der Leinwand zu lebendigen Wesen wurden. Und – Stichwort Merchandising – zu Figuren, die so manches Kinderzimmer bevölkern und den ein oder anderen Managerschreibtisch zieren. Allein seine Käpt’n Blaubär Spardose hat ihren Weg in drei Millionen Haushalte gefunden.

Intelligenter Witz, der Erwachsene genauso anspricht wie Kinder

Mehr noch: Unter der väterlichen Führung des Moers/Sommer-Gespanns konnten und können Figuren ein Eigenleben entwickeln, das teils mit intelligentem Witz, teils mit subtiler Doppeldeutigkeit Kinder wie Erwachsene gleichermaßen anspricht. Klar, dass da mitunter etwas explodiert oder gehörig schief geht. Aber für die beiden braucht es weder Mord noch Blut, um eine gute Geschichte zu erzählen. Zahlreiche Auszeichnungen geben ihnen recht.

Auch wenn er ein freundlicher und umgänglicher Mensch ist: Dass Sachzwänge einer Produktion mitunter den Handlungsspielraum seiner Figuren einengen, kann er überhaupt nicht gut verknusen. Dazu ist er zu sehr Perfektionist, egal, ob es um das Aussehen, die Funktion oder die Wesenszüge seiner Figuren oder die Story an sich geht. 

Als Käpt’n Blaubär 2008 nach fast 20 Jahren leise entschlief, war das für ihn die Gelegenheit, mit „Die drei Bärchen und der blöde Wolf“ noch eins draufzulegen. Auch dass „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ als Kinofilm nicht der erhoffte Erfolg wurde, hat wenig mit dem knuffigen Roboter zu tun, der seiner Werkstatt entstammt. 

Ein halbes Jahr Arbeit für 330 Sekunden Film

Er genießt es, sein eigener Herr zu sein. Als sein großes Vorbild Ray Harryhausen seinen 90. Geburtstag feierte, war sein Geschenk ein Kurzfilm: Über Botschafter einer fernen Galaxie, die für ein Geburtstagsständchen einschweben. In dem das oben erwähnte Raumschiff eine tragende Rolle spielt. Fünfeinhalb Minuten, in denen gut und gerne vier bis sechs Monate Arbeit stecken. Weil alles, aber auch alles in diesem Film in seiner Werkstand entstand. Und in einem kleinen Atelier gedreht wurde. Das Resultat und Fotos der Entstehung sind hier zu sehen.    

Über seine Zukunft macht sich der 52-jährige Vater einer Tochter keine Sorgen. George Lucas habe mit „Krieg der Sterne“ das Genre seinerzeit revolutioniert, mit einer neuen Erzählform, neuer Anmutung und neuer Produktionsweise. Die Fortschritte der Digitalisierung verschieben die Grenzen des Darstellbaren weiter. Die Welt der Fantasie hat auf der Leinwand unvermindert Konjunktur. Ein großes Projekt nehme gerade Gestalt an – aber für Details sei es noch zu früh.

Fantasie, Kreativität und eine an Besessenheit grenzende Liebe zum Detail

Digitale Technik sucht man in seiner Werkstatt allerdings vergebens. Stattdessen Plastilin, Silikon, Polyurethan. Weil von realen, dreidimensionalen Modellen für ihn etwas besonderes ausgeht, etwas analoges, vertrautes – und gleichzeitig unwirkliches, einzigartiges. Daran – siehe schwarze Schallplatte – wird sich auch nichts ändern.

Das Handwerk – von der Idee zur Skizze zum Modell bis zum Film – vermittelt er in Workshops an der Kölner ECOSIGN Design Akademie. Bastler und Tüftler ist er mit Leib und Seele. Aber entscheidend, davon ist er als Puppenbauer fest überzeugt, bleiben Fantasie und Kreativität. Und eine an Besessenheit grenzende Liebe zum Detail.


Carsten Sommer – Objekte
Venloer Str. 507a
50825 Köln

Web: www.carstensommer-objekte.de
Email: carstensommer@gmx.de
Mobil: 0178 – 45 99 675
Fon: 0221 – 57 07 482

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