Nachbarschaft in der großen Stadt

Leben in der großen Stadt: Das wird recht anonym sein und ziemlich unpersönlich. Dachte ich. Bis vor kurzem haben wir auf dem Land gewohnt, im Bergischen zwischen Overath und Lohmar. Ein Bäcker an der Ecke, davor die roten Kästen für die tägliche Allgemeinbildung, um die Ecke der Briefkasten (gut versteckt), am Ende der Straße eine Grundschule (normal), daneben eine Kita (schön).

Es hat mal einen Kramladen gegeben, früher. Aber der hat schon vor Jahren zugemacht. Es gibt (oder gab?) einen Friseur – der Mut, Genaueres zu erfahren, hat mich immer noch gerade rechtzeitig verlassen. Für alles weitere brauchten wir zumindest ein Fahrrad – also meistens ein Auto, weil Einkaufstaschen mitunter schwer sind und es oft genau im falschen Moment anfängt zu regnen.

Ohne Auto ist man auf dem Land ziemlich aufgeschmissen. Deshalb hatten wir zwei.

Freundliche Gelassenheit

Das mit der Anonymität in der großen Stadt hat sich nicht bewahrheitet. Egal, ob ich am Kiosk nebenan (einem von gefühlten zwölf in unmittelbarer Nähe) Zigaretten kaufe oder ein Päckchen abhole, ob im türkischen Laden gegenüber oder bei Lidl um die Ecke. Ob in der winzigen Pizzeria, wo man die Holzkohle richtig schmeckt, oder beim größeren Italiener, wo alles stimmt, in meiner Lieblings-Eisdiele oder bei meinem Lieblings-Chinesen: Überall, aber wirklich überall, begegnen uns die Menschen mit freundlicher Gelassenheit. Und die Hipster, die im kleinen türkischen Imbiss (einem von gefühlten 23 in unmittelbarer Nähe) einen Extrawunsch haben, sagen „bitte“ und „danke“. Davon kann sich so mancher draußen auf dem Land eine Scheibe abschneiden.

Nicht ganz so einfach ist es in unserem neuen Zuhause, wo wir so etwa 50 Nachbarn sind. In einem Neubau sind alle die Neuen, das ist gut. Ein paar Leute kennen wir inzwischen richtig gut und freuen uns immer wieder darüber – weil die echt nett sind. Mit anderen kommt schnell Kontakt über die Enkel zustande, an der Sandkiste, auch wenn ich mich als Opa dort etwas fehl am Platz fühle. Aber anderen begegnen wir nur flüchtig, beim Kommen und Gehen, in der Tiefgarage. Und dann bleibt da noch ein guter Teil, den haben wir noch nie gesehen in den fünf Monaten, die wir jetzt hier wohnen.

Glühwein, Grill und Sparschwein

Wie gut, dass es Menschen mit Initiative gibt. Die ohne große Diskussion und Abstimmung Sachen unkompliziert in Gang setzen. Datum und Uhrzeit festgelegt, für Grill, Glühwein und Überdachung gesorgt. Wer etwas beisteuern kann und will, möge sich melden, ansonsten mitbringen, was man selbst braucht. Alles weitere regelt ein Sparschwein.

Ich habe festgestellt, dass wir ein buntes Grüppchen sind, habe an dem Abend Künstler, Handwerker und Steuerberater kennengelernt, Engländer, Franzosen und Spanier – pardon, Katalanen. Wir stellten fest, dass wir gemeinsame Bekannte, dass wir für die selbe Firma gearbeitet haben und die selben Kollegen kennen. Gute Tipps von denen, die schon länger hier im Veedel leben. Große Gemeinsamkeiten bei den Dingen, die in diesem Neubau noch nicht so recht rund laufen wollen.

Großstadt-Anonymität?

Es war nasskalt, ziemlich fies, aber es war ein schöner Abend. Einer, von denen man sagt: Das müssen wir nochmal machen – und das machen wir auch. Weil es ein bisschen dauert, bis man sich kennenlernt, auch wenn man recht eng beieinander wohnt. Aber soviel steht schon lange fest: Anonym und unpersönlich ist es hier nicht. Ist halt Köln. Ist halt Ehrenfeld.

Ach ja: Ein Auto reicht dicke.

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