Nachts nicht weit von wo

Peter Rosenthal ist vielen Ehrenfeldern ein Begriff. Als Hausarzt mit bescheidenen Räumlichkeiten und ausgeprägtem Einfühlungsvermögen. Als Schriftsteller und Poet, der seinen Stoff nicht etwa aus dem unablässigen Strom seiner Patienten bezieht, sondern aus seinem verschlungenen Lebensweg. Als einer, der seine Gedanken gelegentlich verdichtet zu einer Novelle, einem Gedichtband oder Film. Oder zu einer Sammlung von Texten, Gedichten und Bildern zu einer Empfindung, die ihn bewegt.

Gerade erschienen: „Nachts nicht weit von wo“.

Ausflüge in eine Zwischenwelt

Die Stunden nach Mitternacht, in der Gewissheiten verschwimmen und Selbstverständlichkeiten wanken. Wenn der Reiz des Abends verflogen ist und die Normalität des Morgens noch nicht greifbar. In Peter Rosenthals jüngstem Buchprojekt tauchen fünfzehn Autoren und elf Fotografen ein in diese befremdliche, aller Vertrautheit beraubte Zwischenwelt. 

Wenn zum Beispiel ein kleines Mädchen im abendlichen Getümmel des Ehrenfelder Bahnhofs seine Mutter verloren hat, dann liest sich das so:

Mit lautem Quietschen hielt die Linie 142, Leute stiegen aus und machten sich in alle Richtungen davon in die Dunkelheit. Zurück blieben der Bus und ich. Mit ausgeschaltetem Motor wirkte er erschöpft und trostlos, in etwa so, wie ich mich fühlte. Immerhin leistete er mir Gesellschaft. Solange er mich von der Straße abschirmte, konnte mir nichts passieren, dachte ich.

Auszug aus dem Roman ‚Ehrenfeldkrimi’ von Ulrike Anna Bleier 

Auf der Suche nach Heimat

In seinem Briefroman „Entlang der Venloer Straße“, 2001 erschienen, ging Rosenthal sein Thema frontaler an. Nicht etwa Beschreibung von Sehenswürdigkeiten und Kuriositäten entlang der Hauptschlagader Ehrenfelds, sondern nachdenklicher Dialog mit einem fiktiven Freund entlang des alltäglichen Wegs von der Wohnung zur Praxis. Hier der in Rumänien geborene jüdische Arzt, der in Köln Ehrenfeld in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist. Dort der jüdische Jugendfreund, der Heimat in Israel sucht und im Studium der Heiligen Schrift. Wo lässt sich Heimat, einmal verloren, wiederfinden?

Dass Ehrenfeld einen wahrhaftigen Radsportweltmeister hervorgebracht hat, fand Peter Rosenthal allein schon bemerkenswert. Nicht losgelassen hat ihn allerdings die Tatsache, dass Albert Richter 1940 unter der Obhut der Nazis im Gestapo-Gefängnis in Lörrach starb und fast in Vergessenheit geraten wäre – als einer, der sich weder dem Regime unterwerfen noch von seinem jüdischen Manager Ernst Berliner distanzieren wollte. Mit „Tigersprung“ setzte eine kreative Gruppe dem fast vergessenen Ehrenfelder Weltmeister 2014 ein filmisches Denkmal.

2017 folgte mit „Venedig ist auch nicht viel größer als Ehrenfeld“ eine vielschichtige Annäherung an seine Wahlheimat. Anspruchsvoller Fremdenführer einerseits, ist die Sammlung von Essays aber auch eine Variante des Rosenthal’schen Leitmotivs „Wo bin ich und wo gehöre ich hin?“. Für Menschen, die in Ehrenfeld aufgewachsen oder gestrandet sind, sind diese Text- und Fotosammlung und die 2018 erschienene Gedichtsammlung “Ehrenfeld Alphabet” eine klare Empfehlung – für andere Menschen womöglich auch.

Und wer denn, Facebook, RTL & Co. zum Trotz, ein wenig Nachdenklichkeit schätzt, dem sei „Nachts nicht weit von wo“ ans Herz gelegt. Gerade jetzt, in der tristen Jahreszeit, in der sich der Lieblingssessel besonders bequem anfühlt und eine heiße Tasse Tee besonders gut schmeckt. Um auf ein kleines Gedicht zu stoßen wie dieses:

Nichts ist die Nacht 
Das Schwarz ist zu dünn, als dass es trüge
Vom Himmel fällt Blei in vollen Kugeln
Ein Kombi aufgebockt, ohne Reifen
Mit eingeschlagenem Gesicht
Darin nisten Vögel, ein Ausreißerpaar
Mit Gefieder in reinstem Camouflage

(Adrian Kasnitz)

Melancholie ohne Resignation

Ja, es ist ein melancholisches Buch. Mit nächtlichen Bildern, die sich nicht verzweifelt an grell erleuchtete Vertrautheiten klammern. Doch der Arzt, der in seinem Leben wohl so viele Patienten gesehen hat wie das Müngersdorfer Stadion Plätze zählt, weiß zwischen Melancholie und Resignation zu unterscheiden. 

Nach Mitternacht macht sich frei, was tagsüber fein säuberlich verpackt in einer dunklen Ecke schlummert – Sehnsucht nach Heimat genauso wie nach Leidenschaft:

… nie waren sie sich so eins wie beim Augensex vor den zwei Alibigläsern Rotwein, auf denen sein Atem und ihr Lippenstift klebten, und das war so schön, dass es schmerzte, es schmerzte mit einer inneren Kraft, welche nur mit Gleichem Linderung fand, mit Schmerz, körperlichem Schmerz, aber das entdeckten sie erst später in der Nacht ihres Dachgeschosszimmers …

Auszug aus ‘Das Repetitive’ von Peter Rosenthal

„Nachts nicht weit von wo“ kommt auf Katzenpfoten daher. Klagt nicht an, bietet weder Diagnose noch Rezept. Verschreibt sich stattdessen ganz einer Stimmung, die rätselhaft ist und allgegenwärtig, unmittelbar und zeitlos. Einsamkeit, Sehnsucht und eine Prise Hoffnung.

Dä Plan
Ich kenn eine, der eine kennt,
dä säht, da jeiht noch jet.
Ich kenn eine, der eine kennt,
der es noch wach.
Do jommer hin!

(Querbeat)


Nachts nicht weit von wo
Peter Rosenthal (Herausgeber)
Stefan Flach (Artdirektion)

Weissmann Verlag, Köln
www.weissmann-verlag.de

160 Seiten, €19,95

11690cookie-checkNachts nicht weit von wo

6 Kommentare Nachts nicht weit von wo

  1. Tom 20. Januar 2020 at 17:25

    sehr schöner text!

    Antworten
  2. Pingback: "Ausflüge in eine Zwischenwelt" | Weissmann Verlag

  3. Pingback: Nichts ist die Nacht – Adrian Kasnitz

  4. Elke Brecht 19. Januar 2020 at 8:36

    Das ist für mich dein bisher schönster Artikel. Voller Leidenschaft für Bücher.

    Antworten
    1. Thomas Reinert 19. Januar 2020 at 16:01

      Ist wirklich ein stimmungsvolles Buch. Dass jemand so etwas ins Leben ruft, finde ich einfach toll. Danke für das Feedback!

      Antworten

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