Streetart: Bissige Kommentierungen, verspielte Betrachtungen

Bestaunt, gehasst, ignoriert, gefeiert: Der Streetart und ihren Künstlern ist das letztlich ziemlich egal. „Sagt wer?“ ist eine einfache wie entlarvende Frage. Sind die riesigen Murals, die in Ehrenfeld Giebel und Mauern zieren, Angriffe auf die Seh- und sonstigen Nerven, integraler Bestandteil des urbanen visuellen Grundrauschens, Gegengewicht zu omnipräsenten Kaufanreizen oder selbstbewusster Ausdruck einer Kultur, die Mut zum kantigen Statement hat?

In Ehrenfeld ist jede Fläche eine potenzielle Leinwand, jede Mauer eine Einladung, jede Wand Versuchung.

Früher haben Liebespaare ihre Initialen in Baumrinde geritzt, noch viel früher Menschen die Wände ihrer Höhlen mit Zeichen markiert. Angeblich war es ein Kurier in New York, der 1969 sein Revier mit seinem Kürzel absteckte: Taki 183. Vielleicht war der erste „Writer“ der Neuzeit aber auch ein Postbote in Philadelphia, oder umgekehrt, ist ja schließlich auch egal, Hauptsache da war einer, einer wie du und ich, und der hat damit angefangen, und der ist jetzt sowas wie ein Held.

Aus den schnell hingerotzten Tags, die einfach nur eine wiedererkennbare Spur hinterlassen sollen, wie es die Natur ja schließlich bei allen möglichen Kreaturen eingerichtet hat, wurden Outlines und Throw-ups, farbige Flächen mit Lichtpunkten und Schatten, kunstvolle Styles in einer eigenen Bildsprache und damit Grundlage einer Hackordnung, wie sie jede Szene braucht, mit ungeschriebenen Gesetzen, dass zum Beispiel das Übermalen oder Taggen eines Masterpiece auf der Coolheitsskala sehr, sehr weit unten rangiert.

Wer genauer hinschaut, stößt in Ehrenfeld immer wieder auf das Kollektiv Captain Borderline: Erinnerung an die Widerstandsgruppe Edelweißpiraten Ecke Venloer / Schönsteinstraße, bissige Kommentierung der NSA-Abhöraffäre auf unübersehbaren 60×6 Metern an der Bahntrasse keine 500 Meter weiter, „Sink big“ auf der Rückseite des „BüZe“, in der Licht-, Körner oder entlang der Venloer Straße – aber auch in Mülheim, Essen, Chemnitz, Barcelona, Rio de Janeiro, Istanbul, Bukarest oder Israel.

Mal sind es unmissverständliche politische Statements – dann hatten sie in der Ausgestaltung freie Hand. Jemand stellt eine Fläche zur Verfügung, Sponsoren helfen, die Kosten für Farben und Gerüste oder Hebebühnen zu tragen. Manchmal sind es aber auch Auftragsarbeiten, abgesprochen und bezahlt, für Privatleute, Firmen oder öffentliche Einrichtungen.

Wie im Moment gerade für die Deutsche Bahn.

Streetart Ehrenfeld – Captain Borderline
Streetart Ehrenfeld – Captain Borderline
Streetart Ehrenfeld – Captain Borderline
Streetart Ehrenfeld – Captain Borderline
Streetart Ehrenfeld – Captain Borderline
Streetart Ehrenfeld – Captain Borderline
Streetart Ehrenfeld – Captain Borderline
Streetart in Köln Ehrenfeld
Streetart Ehrenfeld – Captain Borderline
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In der Unterführung Ehrenfeldgürtel/Gerhard-Wilczek-Platz entsteht gerade ihr aktuelles Werk. Eine verspielte Betrachtung rund um das Thema Mobilität, voller kleiner Geschichten und Anspielungen. Drei Monate hat es gedauert von der ersten Skizze bis zum letzten Pinselstrich.

Wer die Unterführung von früher kennt, weiß die Arbeit zu schätzen.


Einen guten Überblick über Streetart in Ehrenfeld gibt es hier.

Der Kunstverein Colorrevolution e.V. hat den Weg für viele der großflächigen Wandgemälde in Ehrenfeld bereitet.

Seit 2011 fördert in Köln das CityLeaks Urban Art Festival Arbeiten nationaler und internationaler Streetart-Künstler im Stadtgebiet. Die Organisatoren bieten Führungen rund um das Thema Streetart in verschiedenen Stadtteilen an.

Herzlichen Dank an Martin Scholz @ Onkel Dose und weitere Gesprächspartner für interessante Informationen und Einblicke.

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