Corona-Tagebuch:
18. März 2020

Schon erstaunlich, wie sich unser Leben in den letzten drei Wochen verändert hat. Mit „unser“ meine ich nicht die Menschen in Köln, in Deutschland oder gar weltweit – obwohl das sicher auch passen würde. Sondern meine Frau und mich. Anfang/Mitte sechzig, pensioniert, Eltern erwachsener Söhne und Großeltern dreier bezaubernder kleiner Enkel. Wohnhaft in Ehrenfeld.

Kurzfazit in Sachen Corona, Stand Mitte März: Wir hatten sehr viel Glück. Mir fallen spontan drei Umstände ein, die unsere Einstellung zur Corona-Thematik entscheidend prägen. Erstens: Anfang vergangenen Jahres waren wir beide sehr krank. Influenza A. Die harte Phase hat zehn Tage gedauert. Richtig gesund haben wir uns erst nach fünf bis sechs Wochen wieder gefühlt. Das werden wir so schnell nicht vergessen.

Einfach mal machen, was die Fachleute sagen

Als also klar wurde, Anfang/Mitte Februar, dass ein neuer und potentiell gefährlicher Erreger im Anmarsch ist, waren wir sofort hellhörig. Haben sehr genau hingehört, was die Vertreter des Robert-Koch-Instituts und der Berliner Charité zu sagen hatten. Haben sehr genau hingeschaut, wie Politik und Wissenschaft reagieren. Und haben sehr schnell beschlossen, dass es einen Punkt gibt, wo man trotz großer Begeisterung für Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung einfach mal das tut, was die Fachleute sagen. 

Wenn man klugscheißerisch veranlagt ist (ich spreche von mir, nicht von meiner Frau), fällt das nicht ganz leicht. Klar, dass wir die Entwicklung im In- und Ausland und die eskalierende Diskussion auf allen Kanälen mit einer morbiden Faszination verfolgt haben. Aber es erleichtert ungemein, im richtigen Moment zu sagen: Wat mutt, dat mutt.

Es gibt Wichtigeres als das eigene Wohlbefinden

Dann sind da, zweitens, unsere Enkelkinder. Aus den vielfältigen Empfindungen und Erlebnissen, die uns diese drei kleinen Wesen bescheren, sticht ein Aspekt besonders hervor: ein intensives, mit Händen greifbares Gefühl der Liebe, Fürsorge und Verantwortung. 

Klar, dass wir als Großeltern nicht zu völlig selbstlosen Gutmenschen mutieren. Und dass wir trotz bester Intentionen Fehler machen. Aber Großeltern sein lehrt eines unmissverständlich: Es gibt Wichtigeres als das eigene Wohlbefinden. Es lohnt sich, anderen gegenüber freundlich und ein wenig fürsorglich zu sein. Und das ist nicht auf Kinder und Enkelkinder beschränkt.

Bedeutet konkret im Kontext von Corona: Wir wollen nicht nur uns selbst schützen, sondern auch Belastung und Risiko für Menschen in unserem Einflussbereich gering halten. Indem wir Veranstaltungen und Zusammenkünfte abgesagt haben, auch wenn Freunde meinten: Wieso, das ist doch kein Problem. Indem wir Unwichtiges zurückstellen, weil das jemanden anderen entlastet. Indem wir mehr als sonst telefonieren, mailen oder skypen. 

Quarantäne, freiwillig oder angeordnet, muss für uns keine Isolation bedeuten – anders zum Beispiel als für viele Menschen in Alters- oder Pflegeheimen. Aber unsere Enkel haben wir zum letzten Mal am 2. März leibhaftig gesehen. 

Von der Umweltsau zur Risikogruppe

Und letztlich ist da der Faktor Alter. Die negative Seite vorab. Kaum haben wir uns darüber beruhigt, als Umweltsäue abgestempelt zu werden, sind wir zur Risikogruppe geworden. Mag sein, dass wir als Betroffene hier etwas empfindlich reagieren. Aber es geht uns schon gehörig auf die Nerven, meiner Frau und mir, wenn wir in der Kategorie „Omas und Opas“ gleichgesetzt werden mit den achtzigjährigen Großeltern der jungen Erwachsenengeneration. 

Konkret: Die Großeltern von Kita-Kindern dürften durchschnittlich um die sechzig sein. Mit etwas Vorsicht, Umsicht und gesundem Menschenverstand könnten viele von ihnen die jungen Eltern in deren momentan sehr schwierigen Situation unterstützen. Die Krise wird uns – auch wenn das schwer vorstellbar ist – noch Monate begleiten. Wir sollten bald Wege finden, wie wir uns in dieser schwierigen Zeit generationenübergreifend bestmöglich unterstützen können.

In turbulenten Zeiten Ruhe bewahren

Zwischenzeitlich können wir Senioren uns auf die Vorteile des Alters besinnen. Als Babyboomer haben wir schon so einiges erlebt und so manche Erfahrung gesammelt. Unsere Kinder sind mittlerweile aus dem Gröbsten raus, und Karrieresorgen plagen uns auch nicht mehr. 

Gute Voraussetzungen also, in turbulenten Zeiten Ruhe zu bewahren. Nicht die Läden zu stürmen, nicht allen Empfehlungen zum trotz in Gruppen zusammenzuglucken, nicht allen möglichen Mist – von selbstgefälliger Empörung bis hin zur ausgemachten Lüge und Gehässigkeit – über die sozialen Medien zu verbreiten. 

Stattdessen sich einfach mal an das zu halten, was Fachleute im Moment empfehlen, fordern oder anordnen. Im Gegensatz zu uns müssen die im Moment sehr schnell sehr schwierige Entscheidungen für die Allgemeinheit treffen. Und diese auch verantworten. Ein wenig Anerkennung ist da schon angezeigt.

Wie schön, wenn in solchen Zeiten eine Stimme der Vernunft aus einer ganz unvermuteten Ecke ertönt. Wenn jemand das Talent hat, im richtigen Moment das Richtige zu sagen. Jürgen Klopp ist so einer. Ob man Fußballfan ist oder nicht: sein offener Brief ist auf jeden Fall lesenswert.

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