Der Bunkermann

Ehrenfeld ist nicht nur die Venloer Straße. Nicht nur Kneipen und Döner-Buden, Kreativschmieden und Dritte-Welt-Läden. Hinter jeder noch so tristen Fassade lassen sich verwinkelte Hinterhöfe vermuten, und so manche versteckte Tür führt in eine wundersame Welt. Wie zum Beispiel am Bunker in der Körnerstraße.

„Kumm errinn.“ Die Stimme kam von irgendwo her, nicht nah und nicht fern, und konnte eigentlich nicht mir gelten. Ich hatte mir den Bücherkasten am Bunker k101 in Ehrenfeld angesehen, viel größer als der an der Drahtflechterei Ecke Simrock, sogar mit Klamotten und Schuhen und manchmal auch Spielzeug und so. Und stand nun vor einer in üblicher Manier verzierten Wand aus Stahl. Mit einer offenen Tür.

„Kumm errinn.“ Hinter der Tür eine Mischung aus Vorgarten und Hinterhof, mit Sonnenschirmen, Betonfiguren und undefinierbaren Gerätschaften, die allesamt schon bessere Tage gesehen haben. Irgendwo plätschert ein Brunnen, und ja, es ist ein Männeken Piss, das da plätschert. Ganz hinten eine Art Höhle, überdacht, dunkel, schwer einzusehen.

„Kumm errinn.“

Ralf Oettermann, der Bunkermann
Ralf Oettermann, der Bunkermann

Er sitzt in einem breiten Sessel an einem runden Tisch, umgeben von einer beeindruckenden Mischung aus Antiquitäten, Kuriositäten und Gerümpel. Röhrender Hirsch, feurige Spanierin, weinseliger Ordensbruder, ein mannshohes Barometer, dysfunktionale Lampen verschiedener Epochen. Auf dem Tisch ein tortenähnliches Gebilde mit Fröschen und der Goldenen Mitgliedskarte des FC, Nr. 687. Auf die ist er stolz, und der FC ist sein ein und alles. Aber Bewegungen fallen ihm schwer, und deshalb ist er nur noch selten im Stadion. Strenggenommen gar nicht mehr.

Ein Bild aus schönen Zeiten: Die „Ihrefelder Sackgesichter“, Ralf Oettermann vorne, dritter von links.

„Fröher wor dä Bunker ja mir.“ Früher: das muss in den späten 60er Jahren gewesen sein, so genau weiß er das nicht mehr. Ralf Oettermann ist Jahrgang 1944. Die Eltern in der Mozartstraße ausgebombt, als die Mutter mit ihm schwanger war, deshalb ist er in Gronau zur Welt gekommen als jüngster von vier Söhnen. Zog bald wieder nach Köln, nach Ehrenfeld in die Körnerstraße. Hat als Schweißer gearbeitet und an Wochenenden bei Entrümplungsarbeiten geholfen. Das fand er besser als Schweißen. Hat sich einen kleinen LKW besorgt und Verstärkung und war seither selbstständig, fast 40 Jahre lang. Irgendwann hat er auch den Führerschein gemacht.

Am Bunkertor prangte eines Tages ein Schild: Zu vermieten. Das Bundesvermögensamt saß damals „in Düx“, und kurz darauf wurde aus dem Bunker eine Garage, ein Lager, ein Unterstand für den Karnevalswagen der „Ihrefelder Sackjesichter“. Ramsch kam auf die Kippe, schöne Sachen nach Hause. Der Rest wurde verkauft, und viel Weder-Noch ist heute noch hier.

Einmal habe er so um die achtzigtausend Mark gefunden. Geld finden sei bei Wohnungsauflösungen eine angenehme Begleiterscheinung, aber das sprengte dann doch den Rahmen. Er konnte die alte Frau ausfindig machen, die nicht wusste, dass sie vermögend war. Und die hat ihm dann zehntausend geschenkt. So etwa.

Die Musikzentrale des Bunkermanns
Im Computer jede Menge Musik – vor allem Neue Deutsche Welle.

Die Selbständigkeit hat er irgendwann aufgegeben, in erster Linie wegen der Lunge. Asbest. Dafür kriegt er jetzt so um die 300 Euro Rente, und aus dem Bunker wurde eine Kunst- und Erinnerungsstätte. Aber das kleine Grundstück daneben, das gehört ihm nach wie vor. „Früher war dat ne janz fiese Ecke hier“, meint er. Und so wie er das sagt und dabei guckt, will man keine Einzelheiten wissen.

Seit er hier ist, ist es ruhig, still geradezu, und er ist eigentlich jeden Tag hier. Der Computer ist nicht ganz neu, aber voller Musik, Neue Deutsche Welle, und manchmal kommen alte Freunde vorbei, dann wird Karten gekloppt und geklönt. Aber viele sind es nicht mehr, viele sind tot. Zu besten Zeiten waren immer ein paar Kästen da, und die Leute haben eine Mark oder so gezahlt fürs Kölsch. Auch verliehen hat er immer mal wieder was. Auch deshalb sind die Freunde weniger geworden. Dafür hat er jede Menge Deckel.

Im Prinzip kommen sie gut klar, seine Frau und er. Für einen kurzen Moment blitzt es in seinen Augen auf. Unterkriegen lässt er sich nicht, und sagen lassen auch nix. Nur die Lunge halt. „Krankheit un dat Jedrisse. Scheißdreck.“

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